Dienstag, 10. Oktober 2017

[Aktion Kurzgeschichte] Das Herz im Baum von Jenna Liermann

Hallo ihr Lieben,

©Jenna Liermann
die Aktion Kurzgeschichte geht in die nächste Runde. Dieses Mal stellt sich Jenna Liermann der Herausforderung und ich finde, dass es grandios gemeistert hat.

Doch zuerst solltet ihr wissen, wer Jenna Liermann eigentlich ist. Ich durfte sie als Bloggerin kennenlernen und auch als Autorin. Ich freue mich sehr, dass sie in mein Leben getreten ist und möchte sie nie mehr missen ;) 

Im September ist ihr Debütroman bei Dark Diamonds von Carlsen erschienen und ich kann euch sagen, dass dieser Roman einfach toll ist <3



Jetzt halte ich euch nicht mehr auf und präsentiere euch die Kurzgeschichte von Jenna. Der Titel lautet: Das Herz im Baum

Ich kauerte auf dem Boden und spähte um die Ecke. Meine Silberklinge hielt ich bereit für den Fall, dass sie mich entdeckten. Mein Auftrag lautete jedoch, sie zu beobachten und auszuspionieren, auch wenn ich sie gerne töten würde. Ich hasste die Dunkelelfen, die mir meine Familie genommen hatten. Sie waren schuld daran, dass ich dieses Leben führen musste. Als Diebin und Mörderin. Fern von der Heimat meiner Eltern, fern von dem Mann, dem sie mich versprochen hatten. Ohne Vermögen war ich für dessen Familie auf einmal nicht interessant gewesen. Man hatte mich unehrenhaft vor die Tür gesetzt.
Wut brannte in meinem Inneren, als ich die widerwärtigen Kreaturen betrachtete, die dafür verantwortlich waren, dass ich ein Leben unter Verbrechern führen musste. Unter Mördern, die mich gezwungen hatten, mich wieder und wieder zu beweisen. Die Dunkelelfen saßen auf den Stämmen rund um die Feuerstelle. Ein Feuer züngelte in ihrer Mitte und Funken stoben in den Himmel. Die Flammen erhellten ihre ebenmäßigen Gesichtszüge. Wieso Mutter Natur entschieden hatte, das pure Böse so perfekt zu gestalten, verstand ich nicht. Das silbrige Haar, das sie als Dunkelelfen kennzeichnete, glänzte im Mondlicht. Sie flüsterten miteinander. Nur konnte ich aus dieser Entfernung kein Wort verstehen. Ich ließ meinen Blick über den Platz gleiten, auf der Suche nach einem möglichen Versteck. Es gab keines. Um unentdeckt zu bleiben, musste ich an Ort und Stelle verharren.
Es gab noch einen weiteren Grund, warum ich diese Kreaturen verabscheute. Wegen ihnen starb unser Land. Es trug von Jahr zu Jahr weniger Frucht. Je weiter sie sich ausbreiteten, desto mehr Dunkelheit legte sich über die Felder. Der Tod hatte in unserer Welt Einzug gehalten. Nur noch die reichen Menschen konnten gut leben. Sie kannten keinen Hunger. Nicht so wie ich.
Ich zog meinen Kopf zurück und ließ ihn gegen die Mauer sinken, an der ich lehnte. Der Stein war kühl an meinem Hinterkopf. Kühl und hart. Ich schloss die Augen und atmete tief aus. Ohne Informationen konnte ich nicht zu Eli zurückkehren. Er hatte mich als Spion geschickt, damit ich herausfand, wohin sie ritten und wen sie zu treffen gedachten. Ich musste es wagen und mich ihnen nähern.
Ich öffnete die Augen und spähte erneut um die Ecke. Sollten die Dunkelelfen mich entdecken, so hätte mein letztes Stündlein geschlagen. Mit zwei hätte ich es noch aufnehmen können, doch ich zählte … fünf. Mein Herz setzte aus. Mein Blick huschte zu den Pferden. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Sechs. Es waren die ganze Zeit sechs Dunkelelfen gewesen. Sechs. Nicht fünf. Wo war der letzte?
In Windeseile sprang ich auf die Füße. An die Mauer gepresst wagte ich meinen Rückzug. Einen Fuß hinter den anderen. Mein Herz schlug wild in meiner Brust und meine Handflächen wurden feucht. Ich verstärkte den Griff um meine Silberklinge. War ich so unvorsichtig gewesen? Hatten sie mich bemerkt? Ich konnte nur noch beten, dass ich es schaffte, mich ungesehen zu entfernen. Jedes zu laute Geräusch könnte mich verraten. Innerlich verfluchte ich das gute Gehör der dunklen Kreaturen. Dabei war ich vorsichtig gewesen.
Mein nächster Schritt nach hinten traf auf Widerstand. Man sollte meinen, dass ein Körper Wärme abstrahlte. Doch hinter mir fühlte ich nur eine kalte, harte Brust. Ein Schauer lief meinen Rücken hinunter. „Wohin des Weges, meine Schöne?“, flüsterte der Elf in mein Ohr, der meine Flucht verhinderte. Spott färbte seine Worte und ließen das Kompliment eher wie eine Beleidigung klingen.
„Wolltest du etwa schon gehen?“ Blitzschnell fuhr ich herum und versuchte ihm mit meiner Klinge einen Stoß zu versetzen. Bevor ich mich jedoch versah, hatte der Elf mich entwaffnet und presste mich an seine Brust. Die Klinge nun an meinem Hals.
„Na, na, na. Wir wollen doch nicht, dass du dich verletzt. Es ist gefährlich, mit scharfen Gegenständen zu spielen, wenn man nicht weiß, wie man damit umgeht. Haben dir das deine Eltern nicht beigebracht?“ Ich versuchte mich zu wehren, aber er wich meinen Tritten aus und sein Arm, der nicht das Messer an meinen Hals hielt, umschloss meine Mitte und presste meine Arme an meinen Torso, sodass ich sie nicht bewegen konnte.
Die Klinge bohrte sich in meine Haut und erste warme Tropfen benetzte sie. Jeder Atemzug trieb das Messer tiefer. Kurz überlegte ich, mich in diese Klinge zu stürzen, denn alles war besser, als in den Händen der Dunkelelfen zu enden. Wer wusste schon, welche Grausamkeiten sie sich für mich ausdenken konnten? Ich wollte es eigentlich nicht herausfinden. Dennoch zwang ich mich dazu, nur flache Atemzüge zu nehmen. Solange es eine kleine Chance gab, dass ich fliehen konnte, solange würde ich um mein Leben kämpfen.
„Dank euch“, presste ich hervor, „konnten mir meine Eltern gar nichts beibringen.“ Die Geschwindigkeit, in der die Elfen sich bewegen konnten, überraschte mich immer wieder. Auch wenn ich mich schon gegen den ein oder anderen hatte verteidigen müssen. Ein Blinzeln später sah ich meinem Feind ins Gesicht. Schwarze Augen betrachteten mich mit kühler Arroganz. Seine Züge waren hart, maskulin, perfekt. Keine Narbe verunstaltete seine blasse Haut. Wäre nicht dieser kalte Ausdruck in seinen Augen, wäre er der schönste Mann, der mir je unter die Augen getreten ist. Was dachte ich da? Noch dazu erblühte so ein komisches Gefühl in meinem Bauch, als habe ich sein Gesicht irgendwo schon einmal gesehen. Doch das war unmöglich!
Jetzt, wo die Klinge nicht mehr an meiner Kehle ruhte, nahm ich meine Bemühungen, mich gegen ihn zu wehren, wieder auf. Es schien ihn keine Kraft zu kosten, mich an seiner Brust festzusetzen. Ich knurrte und fletschte meine Zähne, während ich versuchte, meine Arme aus seinem Klammergriff zu befreien. „Ihr Menschen seid wie Tiere. Wenn du aufhören würdest mit der Lächerlichkeit, dann könnten wir uns in Ruhe unterhalten.“
„Wir sind wie Tiere?! Ihr seid die Monster! Warum sollte ich mit jemanden wie dir reden wollen?“ Ich wusste nicht, woher ich den Mut nahm, aber ich spukte ihm ins Gesicht. Angeekelt verzog er das Gesicht. Doch andere Gefühle regten sich nicht in seinem Gesicht. Keine Wut flammte in seinen Augen, nur Ekel und diese verdammte Überheblichkeit.
„War das wirklich notwendig? Das unterstreicht doch nur meine Aussage. Nun komm, kleines Menschenmädchen.“ Er gab mir keine Chance, ihm freiwillig zu folgen. Stattdessen drehte er mir den Arm auf den Rücken und schob mich vor sich her. Anders als ich erwartete, schlug er nicht den Weg Richtung Lager ein, sondern trieb mich in den Wald. Die Kälte kroch zusammen mit Panik in meine Knochen hinein. Wieso führte er mich weg vom Lager weiter in die Dunkelheit?
„Was hast du mit mir vor?“ Wieder wehrte ich mich. Doch der Griff, in dem er mich hielt, ließ mir keine Bewegungsfreiheit, ohne mich selbst zu verletzen. Mein wild klopfendendes Herz pumpte Wut und Angst gleichermaßen durch meine Adern. „Lass mich gehen!“
„Na, na, na! Ich habe nicht vor, mich an dir zu vergehen, wenn es das ist, was sich dein begrenztes Denken zusammenreimt. Wie ich gesagt habe, möchte ich lediglich mit dir reden. Allein. Ohne das meine werten Begleiter etwas davon mitbekommen. Wenn du nun aufhören könntest, dich zu wehren. Ich möchte dir nicht unnötig wehtun.“ Sein Spott machte es mir nicht gerade leicht, seinen Worten zu vertrauen. Dennoch verhielt ich mich ruhig und ließ mich von ihm fortführen. Vorerst. Irgendetwas in seiner Stimme ließ etwas in meinem Kopf flattern. Eine ferne Erinnerung, die ich nicht zu greifen wusste. Eine Erinnerung ohne Bilder, ein unbestimmtes Gefühl. Wie das Schlagen kleiner Flügel, die etwas aufwarfen. Nicht mehr als Staub.
Er führte mich tiefer in den Wald hinein. Hohe Bäume umgaben uns und das Moos zu unseren Füßen verschluckte unsere Schritte. Es war kalt und dunkel. Wäre er nicht, wäre ich über jede einzelne Wurzel gestolpert. Doch diese verdammten Elfen konnten auch in Finsternis sehen.
Als er anscheinend der Ansicht war, dass wir weit genug gelaufen waren, stoppte er und drängte mich an einem Baumstamm. Rinde und die Stümpfe abgebrochener Äste pressten sich in meinen Rücken.
„Was willst du von mir?“, fragte ich, als er mich einfach nur ansah. Die Gleichgültigkeit war aus seinen dunklen Augen gewichen, stattdessen erkannte ich Neugier und mehr Wärme, als ich jemals an einem Elf gesehen hatte.
„Wie heißt du?“, stellte er die Gegenfrage. Leise.
„Warum ist das von Belang?“
„Sag es mir. Bitte.“ Er wollte gefasst wirken und doch zitterte seine Stimme. Noch dazu dieses Flehen. Was brachte ihn so aus dem Konzept? Wieder fühlte ich dieses Flattern. Diesmal stärker und doch war alles, was ich damit verbinden konnte, schemenhaft. Als läge es verborgen. Tief in meinem Kopf.
„Amika.“

***

Er hatte sie gefunden. Nach all den Jahren stand sie endlich vor ihm und er konnte es nicht glauben. Niemals hätte er sich vorgestellt, dass das Schicksal sie auf diesem Weg zusammenführen würde. Unter diesen Umständen. Doch das Feuer, das in Amikas Augen brannte, war so kennzeichnend für Everelle. Er würde es überall erkennen. Er würde ihre Seele immer und überall erkennen. Nur dieser Körper. Er rümpfte die Nase. Für eine Menschenfrau war sie vermutlich ziemlich ansehnlich. Doch als Elf hatte er eine andere Idee von Schönheit.
Wie sie alle erwartet hatten, erinnerte sie sich an nichts. Es war ein Segen und ein Fluch. Sein erster Impuls war es, sie einfach fortzubringen. Weit weg von seinem Bruder. Seinem Reich. Sie für sich zu behalten. Neue Erinnerungen mit ihr zu schaffen. Es wäre so einfach!
Er betrachtete sie weiter. Die blauen Augen, die ihn voller Misstrauen musterten, in deren Tiefen jedoch Everelles Feuer brannte. Er wusste, wie heiß es brennen konnte. Wie viel Leidenschaft in ihrer Seele lag.
Ihre Haut war sonnengebräunt und verdreckt. Er konnte sich gar nicht vorstellen, was sie durchgemacht haben musste. Eine Narbe zog sich über ihre Wange und ihr Körper war abgemagert und hart. Nicht rund und weich, wie er es von früher gewöhnt war.
„Warum starrst du mich so an?“, keifte Amika in seinen Armen. Je länger er sie einfach nur ansah, desto mehr wehrte sie wieder. Für ihre Statur und ihren Zustand hatte sie Kraft, aber noch lange nicht genug, um irgendetwas gegen ihn bewirken zu können. Ihre Versuche waren schon fast niedlich. Das Zucken seiner Mundwinkel konnte er nicht unterdrücken. Früher noch hatte Everelle ihn niedergestreckt. Sie war schneller und gelenkiger gewesen als sie alle zusammen.
„Ich dachte, du wolltest reden. Dann rede und starr mich nicht so an, als sei ich ein exotisches Tier!“ Selbst ihre Stimme klang noch wie damals. Tiefer als es für eine Elfenfrau gewöhnlich war, aber dennoch so melodiös. Er erinnerte sich an all die süßen Versprechen, die sie ihm ins Ohr geflüstert hatte. Versprechen, die sie ihm nicht hatte geben dürfen. Versprechen, die ihr das Leben gekostet hatten. Und ihrem Königreich die Pracht. Alles in ihm drängte ihn dazu, sie zu verstecken. Von den Augen aller zu verbergen. Sie in seine Arme zu ziehen. Seine Lippen auf die ihren zu pressen. Alles in ihm schrie nach ihrer Seele.
„Du weißt nicht, wie lange wir nach dir gesucht haben. Wie lange ich nach dir gesucht habe, meine Schöne.“ Er sah ihr die Verwirrung an. Die Verunsicherung. Er wusste, dass sie es fühlen musste. Die Verbindung ihrer Seelen war so intensiv gewesen. Egal, in welchem Leben, ihre Seele trug die Spuren davon.
„Du spürst es, oder? Deine Erinnerungen erwachen. Sie haben nur darauf gewartet, dass sie ihren Schlaf abschütteln dürfen.“ Zumindest hoffte er das. Sie waren sich uneins darüber gewesen, ob sie ihre Erinnerungen zurück erlangen konnte. Er spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte, und diesmal konnte er dem Drang, sie zu berühren, nicht widerstehen. Er legte seine Hand an ihre Wange. Ihre Haut war warm. Sehr viel wärmer als die seine. Zärtlich fuhr er die Narbe entlang und sie erschauerte.
„Was tust du mit mir?“ Ihre Stimme war nun nicht mehr als ein Wispern.
„Ich zeige dir, wer du wirklich bist. Du bist meine Everelle, Amika.“ Er atmete tief ein und aus. „Und es gibt nur eine richtige Entscheidung, die ich hier treffen kann.“ In dem Moment, als er es aussprach, wusste er, wie wahr seine Aussage war. Diesmal durfte er nicht selbstsüchtig sein. Diesmal musste er das Richtige tun.
„Du musst mit mir kommen, süße Amika! Und zwar jetzt!“ Ohne eine weitere Erklärung hob er sie hoch und rannte in Richtung Lager. Wenn er nicht sofort handelte, dann würde ihn der Mut verlassen. Der Mut und der Wunsch, das Richtige zu tun. Beides hatte er nicht oft. Nie um genau zu sein.
„Du bist doch völlig übergeschnappt!“, kreischte sie und versuchte sich doch wieder aus seinen Armen zu retten. Solange er sie noch halten konnte, solange würde er es genießen, schwor er sich. Im Lager angekommen, verschwendete er keine Zeit. Er hob sie auf sein Pferd und schwang sich dahinter. Danach erst befahl er seinen Gefährten, es ihm gleich zu tun. Sie waren verwirrt, aber keiner von ihnen wagte es, sich ihm zu widersetzen. Deswegen gab er seinem Pferd die Sporen und lenkte es Richtung Norden. In Richtung seines Bruders. Zum Seelenwald. Zum Wohle seines Volkes.

***

Ich verstand nicht, was hier vor sich ging. Wieso ich auf einmal auf dem Rücken des Pferdes saß, dass in Richtung des Dunkelelfenreichs ritt. Der Körper des Elfen war kalt hinter mir und doch schwand meine Angst und Wut. Ein Gefühl der Vertrautheit erblühte in meinem Inneren. Das Flattern in meinem Kopf wurde mit jeder Sekunde in seiner Nähe stärker. Schemen flammten auf, Erinnerungsstücke, Worte, die ich niemals ausgesprochen hatte. Gesichter. Dunkle Augen. Spitze Ohren. Und immer wieder zwei Namen. Nym und Aire. Nym. Aire. Nym. Aire. Beide Namen kamen mit großen Gefühlen. Gefühlen, die mir Wärme schenkten und mir nicht unbekannter sein konnten. Und doch so vertraut waren. Sie erblühten in mir und ich fühlte sich lebendiger als jemals zuvor.
Ich wusste, dass einer dieser Namen zu dem Elfen hinter mir gehörte. Allerdings ahnte ich auch, wie fatal es für mich sein konnte, wenn ich ihn beim falschen Namen ansprach.
Je länger ich vor ihm saß und seine Arme um mich spürte, desto entspannter wurde ich. Dabei wollte ich es nicht. Wie konnte ich mich in den Armen eines Dunkelelfen sicher fühlen? Diese Kreaturen hatten meine Eltern ermordet. Nur rückten die Erinnerungen an meine Eltern immer weiter in den Hintergrund, sie verblassten im Angesicht des Sturms in meinem Inneren. Was passierte nur mit mir? Warum hatte ich das Gefühl, in einem fremden, falschen Körper gefangen zu sein? Einem Körper, der unmöglich zu mir, zu meiner Seele gehören konnte. Als wäre ein anderes Leben mein Wahres und ich in dieser Gestalt nur ein blasser Schatten meiner Selbst.
„Warum fühle ich mich so verloren, Aire?“ In dem Moment, in dem ich seinen Namen aussprach, wusste ich, dass es der Richtige war. Aire. Er rollte bittersüß von meiner Zunge. Ich erinnerte mich an kleine Berührungen, sehnsuchtsvolle Blicke, verbotene Küsse. Versprechen, die niemals ausgesprochen werden sollten, die trotzdem in spitze Ohren geflüstert wurden. Wieso quälte mich ein schlechtes Gewissen, wenn ich an seine starken Arme und an seinen sinnlichen Mund dachte?
„Du erinnerst dich an mich?“, flüsterte er in mein Ohr und eine Gänsehaut legte sich auf meine Arme. Dann folgten seine Lippen. Sanft knabberte er an meinem Ohr und hinterließ eine Spur Küsse auf meinem Nacken.
„Ja“, hauchte ich und erschauerte unter seinen kalten Lippen, die so viele Gefühle in meinem Inneren weckten. Ein süßes Sehnen erfüllte mich. Ein Sehnen, das mir Angst machte, weil es mit einer Vorahnung belegt war. Einer Vorahnung, dass dieses Sehnen der Anfang vom Ende gewesen war, dass sie schon einmal an diesem Punkt gestanden hatten und eine Katastrophe gefolgt war.
„Wieso fühlt sich das so falsch an?“ Ich verstand all diese Gefühle nicht, die nicht zu meinem menschlichen Körper passten.
„Weil es falsch ist.“ Doch hörte er nicht auf, mich zu küssen. Auch nicht als ich mich drehte, um ihn anzusehen. Stattdessen umfasste er meine Wange mit seinen kalten Händen und presste seine Lippen auf meine. Der Temperaturunterschied unserer Körper machte es zu einer sinnlichen Erfahrung. Obwohl ich ihn in meiner Erinnerung schon einmal geküsst hatte, war es für diesen menschlichen Körper der erste Kuss. Kurzzeitig half er über das Chaos in meinem Kopf hinweg. Doch schon bald löste ich mich von ihm.
„Dieser Körper gehört nicht zu mir! Was ist geschehen, Aire? Wieso bin ich hier? Wieso erinnere ich mich nicht mehr an alles?“ Wieso ahnte ich schon, dass die Antwort auf die Frage Nym war?
Wir ritten durch einen Wald. Die Bäume um uns herum wirkten tot. Keine Blätter, dunkle Rinde, die sich löste. Ein verrotteter Geruch in der Luft. Der Tod hielt Einzug.

***

Er bemerkte, dass sie ihren Blick über ihre Umgebung schweifen ließ. Wenn ihre Erinnerungen nach und nach wiederkamen, würde es nicht lange dauern, bis sie eins und eins zusammenzählte. Besonders, wenn sie bald den Seelenwald erreichten. Eigentlich hätte er schon längst seinen Bruder benachrichtigen müssen, aber er traute sich nicht. Aire wusste, dass er das Richtige tat. Sie musste zurück zu Nym. Sie gehörte an die Seite seines Bruders. Nicht an seine. Schon immer.
Jede Minute, die er in seinen Armen hielt, war zu viel für ihn. Er liebte die Frau vor ihm. Noch immer. Es hatte für ihn nie eine andere gegeben. Nur Everelle. Doch sie war nicht die Seine. Er widerholte die Worte. Everelle gehörte zu Nym. Everelle und Nym. Nym und Everelle. Nym. Nicht Aire. Wie er das Schicksal hasste, dass es ihm das angetan hatte. Die einzige Frau, die jemals etwas in ihm bewegt hatte, war für seinen Bruder bestimmt.
Wie leichtsinnig sie gewesen waren! Wie waren sie nur auf den Gedanken gekommen, Nym und das Schicksal täuschen zu können? Nun litten sie alle unter Everelles und seiner dummen Entscheidung. Erst wenn Nym und Everelle wieder vereint waren und er sich von ihnen beiden abwandte, konnte das Glück und das Leben in diese Wälder zurückfinden. Dabei wollte er Amika, seine Everelle, niemals wieder loslassen. Er hatte sie doch gerade erst wiedergefunden.
Bruder, rief er Nym in Gedanken. Hörst du mich? Wir treffen uns im Seelenwald.
Nym antwortete sogleich: Aire. Was für eine Überraschung. Ausgerechnet im Seelenwald. Willst du noch mehr Unheil bringen, Bruder? Er hörte die Bitterkeit in Nyms Stimme. Seit dem Tag, als sie beide Everelle verloren hatte, seit dem Tag, an dem Nyms Herz gebrochen wurde, waren sie keine Brüder mehr. Ihr Blut verband sie, aber ansonsten waren sie weiter voneinander entfernt als die Völker der Menschen und der Dunkelelfen. Böses Blut war zwischen ihnen.
Ich will meine Fehler wieder gutmachen.
Als ob du das jemals könntest. Das Land stirbt deinetwegen. Es gibt nichts, dass du tun könntest, um …
Aire unterbrach seinen Bruder: Ich habe Everelles Seele gefunden.
Stille. Niemand sprach mehr mit ihm. Er dachte schon, Nym würde nicht mehr reagieren. Doch das letzte, was er hörte, war ein Ich werde da sein.
Kein Vorwurf, keine Bitterkeit. Einfach nur die atemlose Stimme seines Bruders.
Sie machten keine Rast mehr, ritten die Nacht und den Tag. Amika schlief in seinem Arm. Immer wieder musste er sich zurückhalten, sie nicht zu küssen. Oder umzukehren. Er wollte so sehnlichst mit Amika, mit Everelle zu fliehen. Fort von seiner Verpflichtung, fort von seinem Bruder, fort von ihrem Schicksal. Er wollte, aber er konnte nicht. Nicht schon wieder. Diesmal musste er das Richtige tun. Auch wenn es ihm das Herz brechen würde.
Nach anderthalb Tagen erreichten sie den Seelenwald. Wobei Wald nicht das richtige Wort war. Es war vielmehr ein Friedhof. Es gab kein Leben. Weit und breit nur Tod. Dabei war dies einmal der schönste und prächtigste Wald des Landes gewesen. Das ganze Jahr stand er in Frucht und Blüte. Aire konnte sich noch daran erinnern, wie viel Zeit sie als Kinder im Schatten der Bäume verbracht hatten. Lachend. Tobend.
Die Pferde scheuten. Niemand wollte diesen toten Ort betreten. Er auch nicht. Zu viele gute und zu viele schlechte Erinnerungen stürmten auf ihn ein. Hier hatte er Everelle das erste Mal geküsst, hier war er das erste Mal in ihren Armen aufgewacht. Die schönsten Momente seines Lebens. Doch erfuhr in diesen Wäldern Nym von ihrem Betrug, dass sich seine Geliebte und sein Bruder ineinander verliebt hatten und miteinander weglaufen wollten. Hier brach das Herz, das daraufhin den Wald und nach und nach das Land sterben ließ.
Je tiefer sie in den Wald gingen, desto unruhiger wurde Everelle vor ihm.
„Ich habe ein ungutes Gefühl. In diesem Wald ist irgendetwas passiert, Arie. Etwas Großes.“ Er versteifte sich kurz. Ein Kloß setzte sich in seinem Hals fest und er wusste nichts darauf zu erwidern. Früher oder später würde sie es wissen. Die Erinnerungen konnte er nicht aufhalten. Auch wenn er es sich wünschte, da er nicht wusste, wie ihre Seele auf das reagieren würde, was allmählich in ihr erwachte.

***


Aire lenkte das Pferd in Richtung eines großen Baumes, der wie das Herzstück des Waldes wirkte. Eigentlich waren es sogar zwei Bäume, die vor Urzeiten miteinander verwachsen war. Dort, wo die Bäume sich verbunden hatte, hatte sich der Stamm verdickt. Die Verbindung der Bäume sah aus wie ein großes Herz, das nun in Zwei gebrochen war.
Und plötzlich waren sie wieder da. Die Erinnerungen. Ich blinzelte, um die Bilder aufzuhalten. Doch sie ließen sich nicht stoppen und waren unbarmherzig und grausam. Es war in diesem Wald gewesen, dass Nym von mir und Aire erfahren hatte. Von unseren Plänen fortzulaufen. Er war außer sich gewesen. Ich, seine vom Schicksal versprochene Gefährtin, und sein Bruder hatten sich gegen ihn gewendet. Ihn hinter gegangen und betrogen. Ich hatte sein Herz gebrochen, weil er mich über alles geliebt hatte. Ich betrachtete das gebrochene Herz im Baum. Die ersten Tränen tropften von meinem Gesicht, als ich verstand, was um mich herum passierte.
Nicht die Dunkelelfen im Allgemeinen waren schuld daran, dass unser Land starb, sondern ich. Ich und Aire. Dieser Baum war mehr als nur das Herzstück des Waldes. Es war das Herz der Erde. In diesem Baum wohnte ein Teil von Nyms Seele.
Jetzt konnte ich mich sogar an das Brechen des Holzes erinnern. Nyms Herz brach und in dem Moment brach auch das Herz des Baumes auseinander. Ich war schuld an der Dunkelheit, an dem Tod, der in unser Land einfiel. Ich war schuld an dem Hunger und dem Leid der Menschen, weil ich mein eigenes Wohl über alles gestellt hatte. Ich hatte geglaubt an Aires Seite glücklich werden zu können, wenn wir unserem alten Leben nur den Rücken kehrten. Wunschdenken war das gewesen. Fatal auf ganzer Linie. Die Schluchzer ließen meine Schultern beben. Ich ließ die Wut und den Hass zu, der sich diesmal gegen niemand anderes richtete als mich selbst. Aire saß regungslos hinter mir und rührte sich nicht. Ich war ihm dankbar, dass er unsere Entscheidungen nicht rechtfertigen wollte, dass er keine Anstalten machte, mich zu trösten. Seine Nähe, die mir vorher schon falsch vorgekommen war, ließ mich nun Galle schmecken. Mir war schlecht und ich sehnte mich nach Einsamkeit, nach einem Ort, an dem ich mich verkriechen konnte.
Ich rutschte von dem Pferd herunter und ging auf den Baum zu. So oft hatte ich schon vor ihm gestanden. Das Herz betrachtet und mich mit Nym daran erfreut, dass ihm die Ehre zuteilwurde, mit diesem Baum magisch verbunden zu sein. Nym. Mein Herz zog sich voller Schmerzen zusammen. Ihm konnte ich niemals mehr unter die Augen treten. Ich schämte mich für mein Verhalten von damals. Was war nur in mich gefahren?
„Wie lange ist es her?“, fragte ich mit tränenerstickter Stimme und ohne mich nach Aire umzudrehen. Auch er war inzwischen vom Pferd gestiegen. Ich hörte, wie er näher an mich herantrat. Mehrere Schritte neben mir blieb er stehen. Er schien zu ahnen, dass ich Abstand zu ihm haben wollte. Deswegen machte er auch keine Anstalten, mich zu berühren.
„Gut hundert Jahre.“
„In hundert Jahren wird dies wohl nicht meine erste Wiedergeburt sein.“ Ich betrachtete das gebrochene Herz vor mir. Bei dem Anblick zersplitterte auch meines. Wieder und wieder.
„Die Erste, die einer von uns gefunden hat. Nachdem Nym von uns erfahren hat …“
„ … trennte er meinen Körper von meiner Seele. Er hat mich nicht töten wollen. Deswegen war das die einzige Möglichkeit seiner Wut und seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen. So konnten wir auch nicht zusammen sein. Du und ich.“ Es fröstelte mich. Nym war immer ein ruhiger, besonnener Mann gewesen. Es war das erste Mal gewesen, dass er in meiner Gegenwart die Beherrschung verloren hatte. Nur konnte es ihm niemand verdenken.
„Wohl wahr.“ Bei diesen Worten drehte er sich zu mir um und bedachte mich mit einem langen, sehnsuchtsvollen Blick. Seine rechte Hand zuckte, doch er beherrschte sich. Nach einem langen Schweigen räusperte er sich.
„Ich werde mich nun von dir verabschieden. Meinen Teil habe ich erfüllt und nun liegt es an dir und meinem Bruder das Herz zu heilen. Ich werde euch nicht mehr im Weg stehen.“ Mein damaliges Ich hätte ihn aufgehalten, hätte den Gedanken, von ihm getrennt zu sein, nicht ertragen.
Jetzt fragte ich lediglich: „Wohin wirst du gehen?“
Er zuckte mit den Schultern. Wir beide wussten, dass es auch besser war, wenn er es mir nicht verriet. Jetzt trat er auf mich zu. Er zögerte, zog mir letztendlich doch noch einmal an seinen Körper. Seine Haut war so kalt. So viele alte Gefühle prasselten auf mich ein, doch ich widerstand ihnen, da auch die Scham, der Schmerz und die Schuld mich niederdrückten.
Aire ließ mich los. Eigentlich müsste ich ihn fragen, warum er mich einfach allein lassen wollte. Doch ich tat es nicht. Ich ahnte, dass er seinen Bruder gerufen hatte. Die mentale Verbindung der beiden würde sich niemals trennen lassen. Egal, wie wenig sie sie nutzten.
Ein letzter Blick traf mich. Dann drehte er sich abrupt um und stieg auf sein Pferd. In meinem Rücken entfernte sich das Hufgetrappel. Während Aire aus meinem Leben ritt, betrachtete ich das Herz vor mir. Es war so robust. Das Holz dick. Doch jung und unbedarft wie ich war, hatte ich es brechen lassen. Wieso war mir nicht bewusst gewesen, wie viel Verantwortung in meinen Händen gelegen hatte? Wieso hatte ich alles, was mir lieb und teuer war mit Füßen getreten? Für ein kurzes Gefühl von Abenteuer und Leidenschaft? Leidenschaft, die ich auch mit Nym gehabt hatte.
Ich war es nicht würdig hier zu stehen, ihm jemals wieder unter die Augen zu treten. Doch mein Herz sehnte sich danach. Auch wenn er mir niemals verzeihen konnte, musste ich ihn um Verzeihung bitten. Ob ich das Herz jeweils wieder heilen konnte und das Land damit vor seinem Tod retten konnte? Ich wagte es zu bezweifeln. Mir blieb nur eine menschliche Lebensspanne Zeit dafür, bevor meine Seele sich einen weiteren Körper suchen würde.
Hufe von mehreren Dutzend Pferden hallten immer lauter werdend durch den Wald. Sie kamen aus der entgegengesetzten Richtung zu der, in die Aire verschwunden war. Ich drehte mich nicht um, bis ich hörte, wie die Reiter in meinem Rücken zum Stehen kamen und die ersten Stiefel auf den Boden trafen.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, meine Handflächen waren schwitzig. Das kannte ich nicht aus meinem früheren Leben. Als Elfe war ich immer die Ruhe selbst gewesen, nichts hatte mich mit Nervosität erfüllen können. Doch jetzt war es etwas anderes. Ich würde ihn wiedersehen. Als Mensch. Wahrscheinlich würde ich ihm nicht gefallen. Ziemlich sicher sogar. Wir Elfen hatten in Menschen immer schon die Fehler gesehen. Fehler und Makel, da wir äußerlich nahezu perfekt waren.
Mit einem letzten tiefen Atemzug drehte ich mich um und blickte in diese vertrauten Augen, die mich voller Misstrauen betrachteten.
„Nym“, hauchte ich, plötzlich atemlos.

***

Er trieb sein Pferd an, als sei ihm ein Rudel Wölfe auf den Fersen. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Mit jeder Wegkreuzung, die er hinter sich ließ, wurde der Klumpen in seiner Brust schwerer. Er wollte sie nicht verlassen, doch für das Wohle aller musste er. Als Bruder des mächtigsten Elf des Landes musste er nun Verantwortung übernehmen. Dem Land, seinem Bruder und Everelle eine Chance geben zu heilen. Ihm selbst eine Chance geben.
Es würde ihn umbringen, seine große Liebe und seinen Bruder jeden Tag zu sehen. Seite und Seite, wie sie wieder zueinander finden. Ihre Liebe würde einen Weg finden, zu vergeben und verzeihen, da war er sich sicher. Leben würde wieder in den Wäldern Einzug halten. Aus der Ferne würde er es beobachten. Doch das war schon mehr, als er verkraften konnte.
Er machte sich keine Hoffnung darauf, eine andere Frau zu finden, die sein Herz so berühren könnte. Für ihn war es immer Everelle gewesen. Nie eine andere. Es gab keine vor ihr und es würde keine nach ihr geben. Einsamkeit würde von nun an sein treuer Begleiter sein.
Am Gipfel des Berges schaute er auf den Seelenwald hinab. Ein letztes Mal.

Danke, flüsterte Nym in Aires Gedanken und dann ritt er davon. Der Einsamkeit entgegen.

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