Mittwoch, 13. September 2017

[Aktion Kurzgeschichte] Von Tanzschuhen und Mottenkugeln - Beatrice Jacoby

Hallo ihr Lieben,



hier habe ich auch schon die nächste Kurzgeschichte für euch. Die heutige Autorin heißt Beatrice Jacoby.
Kennt ihr nicht? Das liegt vielleicht daran, dass ihr Debüt Colourless im November bei feelings erscheint. Ich freue mich so sehr für sie und bin natürlich sehr gespannt auf die Geschichte.
Kennenlernen durfte ich sie über die NaNo Gruppe, weil ich nach Testlesern gesucht hatte. Ich freue mich sehr darüber. Seitdem tauschen wir uns regelmäßig aus und ich bin unglaublich neugierig auf ihr Debüt.

Hier erst einmal das Debüt:



[Klappentext]

Eine Welt der Isolation ohne Farben – ein dystopisch-romantischer Urban-Fantasy-Roman über den Kampf gegen Konventionen und die Kraft der Liebe
In der isolierten Kleinstadt Mary’s Yard sind die Menschen durch einen Gendeffekt farbenblind. So auch Kalla und Sander. Die beiden stammen aus zwei völlig verschiedenen Welten: Er ist der tadellose Mustersohn des Bürgermeisters und sie eine sogenannte »Meerjungfrau«, ein Mädchen aus dem Problemviertel am Hafen, das mit dem Kopf lieber in den Gewitterwolken über ihrer Heimat steckt als in der streng genormten Realität.
Durch ein Missverständnis kreuzen sich die Wege der beiden und allen Konventionen ihrer Herkunft zum Trotz entwickelt sich ein starkes Band zwischen ihnen.
Doch ihre Gefühle werden auf eine harte Probe gestellt, als Kalla und Sander unverhofft das Geheimnis der Farbe entdecken, das alle Wahrheiten in ihrer schwarz-weißen Welt in Frage stellt – selbst die als Volksmärchen verschriene Liebe.
Bald müssen sie sich entscheiden: Wie weit sind sie bereit für die Farbe und für die Liebe zueinander zu gehen?



Neugierig geworden? Auch wenn die folgende Kurzgeschichte vielleicht nichts mit der Geschichte zu tun, so macht sie trotzdem Lust auf mehr von der Autorin. 
Ich wünsche euch nur viel Spaß mit der Geschichte.

Von Tanzschuhen und Mottenkugeln

Laut schallte die Musik aus dem Lautsprecher, während die Menschen vor dem Podest geschwätzig und angeregt plauderten. Heute war es so weit. Nach all dem absolvierten Training sollte heute meine Prüfung stattfinden. Ich warf einen letzten Blick auf die Uhr, bevor ich die Musik kurz ausschaltete. Augenblicklich verstummten die Leute und sahen mich erwartungsvoll an, vollkommen motiviert mit mir den heutigen Kurs zu absolvieren. 
So leichtfüßig wie möglich nahm ich die kleine Stufe vom Podest des DJ-Pultes hinunter auf die Tanzfläche, um die aufkeimende Nervosität in meinen Knien nicht zu spüren. Ich konzentrierte mich auf ein professionelles Lächeln, darauf, allen Mitgliedern dieses Kurses in die Augen zu sehen, während ich sie begrüßte und darauf hinwies, das sich bitte niemand durch das ungewohnte Publikum heute stören lassen sollte. Aber vor allem konzentrierte ich mich darauf, selbst nicht in die erste Reihe der Tische hinter der Tanzfläche zu sehen.
Denn dort saßen die Richter über meine Zukunft.
Drei Jahre Ausbildung und Gebühren für eine Tanzhochschule, die ich mir eigentlich nicht leisten konnte und nun drohte meine alte Prüfungsangst, die sich plötzlich wieder meldete, alles zu vermasseln. Doch so sehr ich mich auch wehrte, das flaue Gefühl und die von Selbstzweifeln gewisperte Versicherung, sich würde es bestimmt vermasseln, konnte ich weder herunterschlucken noch abschütteln. Trotzdem durfte ich mich davon nicht unterkriegen lassen. Tanzen, das war mein Leben. Es bedeutete mir einfach alles.
Gut, vielleicht nicht alles, schmunzelte ich in mich hinein, als die schweren Flügeltüren des Tanzsaales aufschwangen und mein Kollege herein stolperte. Er räusperte sich und sortierte im strammen Gehen schnell seine honigblonden Haare, während ich so unbeirrt wie möglich weiterredete.
„Dann wollen wir uns mal eintanzen“, flötete ich meinem tuschelnden Tanzkurs entgegen, der Oskars chronische Unpünktlichkeit und sein spitzbübisches Lächeln dabei offenbar fast so charmant fand wie ich. „Wie wäre es mit einem Jive zum warm werden?“
Eigentlich brauchte ich einen Rhythmus, der meinen Puls runter brachte, aber ich hatte diese Stunde seit Wochen geplant und wollte jetzt nichts mehr umwerfen.
Oskar empfing mich an der Kante des Podestes, bereits mit der Nase im Kursbuch, meine Notizen zu dieser Prüfungsstunde studierend. Einerseits war ich froh, ihn an diesem wichtigen Tag dicht an meiner Seite zu wissen – dafür würde die Tango-Technikstunde, die ich für heute vorsah, sorgen. Andererseits würden die kleinen Atemaussetzer, die mir seine Blicke verpassten, nicht unbedingt dabei helfen Ruhe zu bewahren.
Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.
Denn die Stunde war nicht das Einzige, was ich minuziös durchgeplant hatte. Wenn ich diese Prüfungsstunde bestand, würde ich mir endlich einen Ruck geben und Oskar beim Anstoßen auf meinen Mut endlich auf uns ansprechen. Was wir eigentlich waren. Was ich ihm bedeutete. Aber vor allem – was er mir nach zwei Jahren gemeinsamer Arbeit neben der Tanzhochschule und den nächtlichen Trainingsstunden, durch die er sich regelmäßig mit mir quälte, inzwischen bedeutete.
Doch ich kam nicht einmal dazu, den Kursplan, den er bestimmt schon auswendig konnte, zum tausendsten Mal mit ihm durchzugehen. Lauthals nach Aufmerksamkeit surrend stotterte mein Handy Richtung Kante des DJ-Pultes. Wenn man es einmal nicht komplett lautlos stellt!
Ich warf Oskar einen entschuldigenden Blick zu und wollte gerade das dumme Telefon abschalten, da sah ich ein allzu vertrautes Bild auf dem Display – zwei lachende Mädchen im Planschbecken auf der Terrasse unserer Großmutter, gleich wie ein Ei dem anderen.
Ich zwang ein Lächeln auf meine Lippen, auf denen ich bei der Anzeige von bereits drei verpassten Anrufen nur zu gerne herumgekaut hätte, und gab meinem Kollegen zu verstehen, dass ich alles unter Kontrolle hatte. Dabei sammelte sich schon ein dünner Film Schweiß in meiner Handfläche. Bei der ersten kleinen Abweichung vom Plan spürte ich bereits, wie meine Prüfungsangst anklopfte. Hektisch, eindringlich und direkt gegen meinen Brustkorb. Im Kanon mit den Blicken der Prüfer, die mir zwischen die Schulterblätter piekten, als ich das Handy ans Ohr nahm. Eilig, aber bedacht darauf trotz aller Nervosität nicht zu rennen, verzog ich mich hinter die nahegelegene Bar des Tanzstudios.
„Joe?“
„Ella! Bist du ins Funkloch gezogen?“
Etwas an ihrer Tonlage irritierte mich, auch wenn ich nicht genau benennen konnte, warum. Abgesehen davon, dass unsere Begrüßung sonst herzlicher ausfiel.
„Was gibt‘s?“
„Können wir reden?“
„Ich stecke mitten in meiner Abschlussprüfung, was weißt du doch!“, knurrte ich so liebevoll wie möglich ins Telefon. „Ist es denn dringend?“
Die Pause auf der anderen Seite der Leitung versetzte mir einen Stich.
„Was ist denn passiert?!“
„Ella, kannst du bitte nach Hause kommen? Es ist wichtig.“
Ihre Stimme dröhnte in meinen Ohren, obwohl sie kaum laut genug sprach, um dem plötzlich unerträglich unpassend beschwingten Jive die Stirn zu bieten.

Ich hätte geduscht, bevor ich losfuhr, wäre ihre Stimme nicht so komisch am Telefon gewesen. Aber so klingelte eine stumme Sirene in meinem Brustkorb, links, direkt neben dem Herzen. Sie tönte schrill und laut, sendete nur eine Nachricht durch all meine Fasern: etwas stimmt hier nicht.
Aber was?! Diese Frage lenkte mich die komplette Prüfungsstunde über ab, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Seufzend vergrub ich das Gesicht in meinen Händen – schwankend zwischen der Gewissheit, alles vermasselt zu haben und der Hoffnung, dass mir das nur die Prüfungsangst einreden wollte. Oskar hatte zwar im Anschluss versucht, mich zu beruhigen, aber es half nicht wirklich.
Ich konnte es immer noch nicht ganz klar benennen, was dieses merkwürdige Bauchgefühl bezüglich Joes Anruf bedeutete, als ich aus dem mit Zigarettenqualm ausgeräucherten Taxi stieg, direkt in eine trübe Pfütze. Das fehlte mir gerade noch, dachte ich und fluchte durch die geschlossenen Zähne hindurch ohne stehenzubleiben. Während ich an der Tür meines Elternhauses klingelte und auf eine Antwort wartete, versuchte ich die Spritzer unauffällig an meinem Hosenbein abzuwischen, aber natürlich nicht schnell genug.
„Wie siehst du denn aus, Mariella?“, raunte meine Mutter mit einer erhobenen aufgemalten Augenbraue, als sie mir die Tür öffnete und mich gewohnt kritisch musterte.
„Ich freue mich auch, dich wohlauf zu sehen.“
Um mich selbst davon zu überzeugen, blies ich ihr zwei flüchte Küsschen auf die schmalen Wangen. Es war nicht so, dass ich sie nicht vermisste – abgesehen davon, dass ich mich in ihrer Gegenwart wieder fühlte als wäre ich sechs Jahre alt. Aber dieser Ort bedrückte mich. Er vermittelte mir kaum mehr etwas anderes als das Gefühl von dem Tag, an dem meine Eltern die Scheidung verkündeten und Papa und ich auszogen.
„Wo ist Joe? Geht es denn allen gut?“
Doch meine Mutter ignorierte meine Sorge und winkte mich nur ins Haus. Ich ließ den Blick kurz über den langgezogenen, frisch renovierten Eingangsbereich schweifen, durch den ich ihr bis zur Tür an der Stirnseite folgte. Seltsam – obwohl die bordeauxroten Tapeten neu und die schachbrettartigen Bodenfliesen frisch aufpoliert waren, sah ich nur die Erscheinung von früher. Fühlte den Druck auf meiner Speiseröhre vor Eifersucht auf einen dämlichen Teppichladen, den sie im Wintergarten führte und dessen Lager eine nicht unerhebliche Menge an Raum im Haus in Anspruch nahm. Mutters einzige Liebesbeziehung in den letzten fünfzehn Jahren. Ihr Tempel, ihr Heiligtum – ebenso wie Joes. Und mein persönlicher Alptraum.
Was war ich erleichtert gewesen, als ich die Zusage von der Tanzhochschule erhielt und Richtung Dresden aufbrach. In ein neues Leben voller Musik, Lebensfreude und Bewegung, statt hinter zwischen muffigen, altbackenen Teppichen zu versauern. Ein Lächeln war mir damals beim Abschied über ihre Lippen gehuscht, für das mir meine Zwillingsschwester gleich in die Seite knuffte. Und trotzdem war ich auf ihr Bitten zurückgekommen ohne mit der Wimper zu zucken.
„Du solltest nicht so rumlaufen, Mariella. Wie sieht das denn aus für unser Geschäft?“
Mama rümpfte die Nase, als sie hinter mir die Treppen zur Wohnung hochging.
„Eure Geschäft, Mama.“, seufzte ich. „Und Ella reicht doch auch.“
Zu meinem Glück unterbrach Joe ihr Luftholen für eine schnippische Antwort, als wir das Wohnzimmer betraten.
„Ella.“
Da – schon wieder diese komische Stimmlage.
Sie kam nicht auf mich zu wie sonst, wenn wir uns sahen. Verunsichert blieb ich im Türrahmen zwischen Stube und Esszimmer stehen, mit der Hand unserer Mutter zwischen den Schulterblättern, damit ich nicht wieder flüchtete. Was war vorgefallen, dass Joe sich so verhielt? Dass sie auf dem frisch aufgepolsterten Sessel sitzenblieb und mich aus schmalen, undurchdringlichen Augen anstarrte, die meinen bis auf kleinste Reflexionen glichen?
Mir fehlte es plötzlich, dass sie mich in den Arm nahm und dabei fast zerquetschte, auch wenn ich mich sonst immer darüber beschwerte. Dass sie so distanziert blieb, fühlte sich einfach falsch an. Mir zog es den Magen dabei zusammen, als ich mich auf Mamas bitten hin vorsichtig neben Joe setzte.
Immerhin rutschte meine Schwester nicht weg.
„Gut. Jetzt, wo du da bist, Ella, können wir anfangen“, sagte unsere Mutter und nickte sich dabei zu als würde sie sich selbst Zuspruch geben. Dabei schob sie mir ein Glas Wasser hin.Sprudel, extra für mich besorgt, weil es keiner der andern beiden trank. Daneben stand eine Schale Gummibärchen auf dem Tisch. Obwohl ich seit meiner Zuckertüte zur Einschulung keine Süßigkeiten mehr bekommen hatte. Es lag etwas Seltsames in der Luft, wenn Mama und Joe mich schon mit Leckereien bestachen.
„Sagt ihr mir jetzt endlich, was los ist? Geht es allen gut?“
Ich hörte mich die Worte sagen, aber wissen wollte ich es eigentlich nicht.
„Niemand schwebt in Lebensgefahr, falls du das meinst“, antwortete Mama, die immer noch stand. „Ich wollte etwas mit euch besprechen, Mariella.“
Etwas, das so wichtig war, dass es nicht einmal bis nach meiner Abschlussprüfung hatte warten können? Ich wusste ja, dass unsere Mutter nicht viel von meinem Berufswunsch hielt, aber -
„Warum bittet mich Joe her, wenn du etwas möchtest?“
„Wärst du denn gekommen, wenn sie angerufen hätte?“, raunte mein Spiegelbild aus Fleisch und Blut.
Recht hatte sie. Wenn unsere Mutter mich einlud, konnte es nur um ihr heiliges Geschäft, ihren kompletten Lebensinhalt gehen, für den sie ihren Mann und ihre Kinder oft vernachlässigt hatte. Sicher hätte ich einen Weg gefunden, heute beschäftigt zu sein, statt hierher zu fahren. Einen theoretischen Test erfinden und schreiben. Die WG putzen. Atmen. Irgendwas.
Über Joes Gesicht huschte der Hauch eines Schmunzelns. Sie wusste genau, dass sie mein wunder Punkt war. Dass ich meiner vier Minuten und einundzwanzig Sekunden jüngeren Schwester niemals etwas ausschlagen konnte. Vor allem nicht, wenn sie so seltsam klang, dass mir vor Sorge fast das Herz aus der Brust gehüpft wäre. Aber eine Notsituation vortäuschen, um mich herzulocken? Etwas so sadistisches passte nicht zu ihr.
Da steckt mehr dahinter.
„Du musst das Familiengeschäft übernehmen.“
Und da war es. Dieses unsichtbare Monster in Form eines Satzes, der mir die Luft aus den Lungen schlug. Heraus kam ein entsetztes, ungläubiges Schnauben.
„Verwechselst du uns nicht?! Joe sitzt neben mir“, hechelte ich dem firmen Blick meiner Mutter entgegen, der kategorisch ausschloss, dass sie einen Witz gemacht hatte.
„Ich irre niemals.“
Ich war zu schockiert als dass ich wie sonst über diese Worte die Augen rollen konnte, die meine Mutter so sehr liebte und sonst wenigstens mit einem Zwinkern versah. Auch ein hilfesuchender Blick zu Joe rettete mich nicht davor, irgendwann mehr herausbringen zu müssen als Stammeln und halbgare Proteste. Sie blickte nur zu Boden, auf den alten Fransenteppich.
„Aber warum machst du das nicht? Der Betrieb ist doch euer Leben, nicht meins. Ich tanze, ihr – na ihr mach was auch immer im Geschäft und seid glücklich. Warum übernimmt Joe nicht, wenn du aufhören willst, Mama?“
Meine Schwester verkrampfte sich bei meinen Worten. Beinah glaubte ich eine Träne in ihrem linken Augenwinkel glitzern zu sehen. Ich wusste nicht warum, aber mir tat sofort leid, was ich gesagt hatte.
„Josephine wäre die Richtige gewesen. Aber das geht nun nicht mehr“, seufzte Mama und meine Schwester mit einem wohlwollenden, aber strengen Blick. „Darum liegt nun all unsere Hoffnung auf dir, Mariella.“
Ella, klingelte es in meinem Kopf, als würde das Beharren auf meinen Spitznamen auch mein bisheriges Leben konservieren. Als stecke darin meine destillierte Identität, um die ich fürchtete. Denn wenn ich meinen Kindheitstraum einfach so aufgab – wer war ich dann noch?
Die Antwort darauf lag hinter der Tür zum Speicher. Anders als in meiner Erinnerung lag dahinter kein muffiger, dunkler Tummelplatz für Spinnen, angestaubte Weihnachtsdekoration und ausrangiertes Kinderspielzeug. Den kompletten, spitz in den Dachstuhl zulaufenden Raum kleideten Spiegel aus. Sie reflektierten mein vor Verunsicherung erblasstes Gesicht abertauendmal, als stünde ich mitten in einem Kaleidoskop. Mir wurde plötzlich so schwindelig, dass ich mich an Joe festhalten musste. Doch selbst jetzt sah sie mich nicht an, auch wenn sie sich ein müdes Lächeln abrang.
„Das erste Mal ist etwas überwältigend“, murmelte sie. „Keine Sorge, das geht vorbei.“
Sie meinte nicht den Speicher, sondern das, was er wirklich verbarg. Den eigenartigen, aber wohltuenden Geruch darin, den ich nicht zuordnen konnte. Als strömten sämtliche Erinnerungen und Eindrücke meine Sinne. Ein Prickeln machte sich in meiner Nase und hinter meiner Stirn bemerkbar. Es fühlte sich seltsam natürlich an, obwohl ich niemals einen seltsameren Ort gesehen hatte als den mit Spiegelglasplatten gespickten Dachboden in dessen Mitte dunkle Webstühle standen.
Joe setzte mich auf den nächstgelegenen und wie automatisch flog meine Hand zu dem fein geschnitzten Holzrahmen. Ein Verständnis wollte sich durch meine wirren Gedanken ans Tageslicht bohren, doch es drang nicht bis ganz an die Oberfläche. Nicht bevor ich die Fäden berührte, die in ein halbfertiges Stoffband mündeten.
Nein, kein Stoffband. Ein Leben.
Gewoben von Knotenpunkt zu Knotenpunkt. Ich konnte ich die Spuren ausmachen, die Menschen und Erlebnisse darauf hinterlassen hatten. Dass sich dieses Verständnis allein durch das Einatmen ausbreitete, fühlte sich gleichermaßen wie Heimkommen an, wie es mich in schrille Panik versetzte.
Unsere Mutter barg zwei Kugeln aus einem der aufwändig verzierten Kästchen zu den Füßen der Webstühle. Sie säumten den Raum und ihre unzähligen Spiegelbilder gaben der Atmosphäre einen edlen, geheimnisvollen Glanz. Ihr Inhalt dagegen war wenig spektakulär.
„Mottenkugeln?“, fragte ich und erntete ein amüsiertes Schnauben von Joe. Die erste positive Reaktion, die ich bisher aus ihr herauskitzeln konnte. Leider verflog sie genauso schnell, wie sie gekommen war.
Während sie mich korrigiere überzog Mamas Lippen das verhaltene Lächeln, mit dem sie mich als Kind über Dornen, Kerzenflammen und heiße Herdplatten belehrt hatte. In den Schatullen befanden sich keineswegs Mottenkugeln, sondern Perlen, deren Aroma für gewisse besondere Personen lesbar waren wie Bücher. Webanleitungen für das Leben echter Menschen, die meine Mutter streng nach Anweisungen den Schicksals höchst persönlich befolgte. So wie ihr Vater und seine Schwester vor ihr. Und deren Cousine und Großvater, und so weiter.
„Dann sind die ganzen Teppiche im Haus alles Schicksale?“, fragte ich, schwankend zwischen Faszination und Ungläubigkeit. „Nicht einfach nur ein verkapptes Hamster-Syndrom von dir, Mama?“
Ihr Schnauben ließ vermuten, dass sie nicht vorhatte darauf zu antworten. Joe dagegen warf ein: „Der Läufer im Wohnzimmer, das ist Lady Dianas Lebensgeschichte.“
„Und du willst nicht wissen wie schwer es war, da ran zu kommen!“, japste Mama, bevor sie sich gleich wieder mit einem Räuspern fing. „Die wenigen Blutlinien, in denen diese Gabe weitervererbt wird, tragen eine immense Verantwortung, das verstehst du sicher, Mariella. Wir können nicht einfach kündigen.“
„Aber ihr scheint das doch gut hinzubekommen. Warum soll ich auf einmal übernehmen?“
Joes und Mamas Blicke wichen mir aus. Sie huschten überall hin, außer zu meinen weit geöffneten, fragenden Augen.
„Josephine kann mir leider nicht mehr zur Hand gehen. Und ich werde nicht jünger, die Gicht macht sich breit. Was sollen wir dem Schicksal sagen, wenn wir nicht mehr liefern können …?“
Joe entwich ein leises Schluchzen, das sie sofort wieder unterdrückte. Ich streckte die Hand nach meiner Zwillingsschwester aus, doch sie reagierte nicht. Sie hatte ihren Geruchssinn verloren, erklärte unsere Mutter, und damit die Fähigkeit, die Webanleitungen zu entschlüsseln. Darum musste ich für sie einspringen.
Der Nachdruck, der in der Stimme meiner Mutter lag, ließ keine Diskussion zu. Sie war schon immer streng gewesen, aber hier spielte etwas anderes mit. Fürchtete sie sich etwa vor dem Schicksal? Ich traute mich nicht zu fragen, ob wir seine Mitarbeiter oder Sklaven waren. Nur eines war klar: ab diesem Moment gehörte mein Leben nicht mehr mir oder dem Tanz. Von nun an musste ich es völlig dem Weben von Schicksalen widmen. Meiner Familie zu liebe, und wenn es mir das Herz brach.
Ich dachte, für sie könnte ich meine Leidenschaft konsequent aufgeben. Immerhin waren die beiden mir trotz aller Unterschiede unbeschreiblich wichtig! Doch nach einigen Wochen, in denen ich mich von Joe einweisen ließ, die nicht mehr recht mit mir umzugehen wusste seit ich ihren Platz am Webstuhl einnahm. Ich stürzte mich so tief in das Garn, die Mottenkugeln und den Duft der Schicksale, dass ich mich selbst fast darin vergaß. Aber nachts, wenn ich im Bett lag und versuchte, alles irgendwie zu verarbeiten und zu begreifen, was plötzlich mit meinem Leben geschah, fand ich nur Ruhe, wenn ich Musik anschaltete und mir vorstellte, wieder über das Parkett zu schweben. Dieses Bisschen gönnte ich mir noch, den ganzen Rest meines geliebten bisherigen Lebens schob ich so weit von mir, wie ich nur konnte. Ich ließ ihn zusammen mit meinem alten Ich in Dresden zurück, um nicht in Versuchung zu geraten. Nicht einmal Oskar antwortete ich. Ich starrte nachts nur mit ein oder zwei Tränen im Augenwinkel auf mein Handydisplay und las seine Nachrichten. Er beteuerte, ich könne die Prüfung doch nachholen. Fragte, wie es mir ging. Wo ich wäre. Was passiert sei. Warum ich nicht heim käme. Ob er war für mich tun könne. Warum ich nicht antwortete, er mache sich schreckliche Sorgen …
Mir zerriss es schier das Herz, aber es war besser so. Niemals durfte ich eines der höchsten Webergesetzte brechen und normalen Menschen davon erzählen. Das Schicksal würde keinen Schritt aus der Reihe dulden, beschwor mich Mama.
Und vielleicht hätte Oskar irgendwann von alleine aufgehört mir zu schreiben. Oder meine Gefühle für ihn wären mit viel Zeit irgendwann verblasst.
Wäre ich nicht eines Abends der Versuchung erlegen, noch ein letztes Mal in die Tanzschule zu fahren, als die Sehnsucht ins Unermessliche wuchs. Ich musste mich verabschieden. sonst würde ich niemals einen Schlussstrich unter meinen Traum setzen können, den ich seit ich denken konnte gehegt hatte. Nur noch ein letztes Mal, versprach ich mir. Dann würde ich loslassen.
Ich stand eine Stunde vor dem alten Gründerzeitgebäude, die Arme um meinen Oberkörper geschlungen, um meine Jacke zu schließen. Ich weiß nicht, warum ich sie nicht einfach schloss. Nichts anderes als die Erinnerungen von meinem Leben hinter den Fenstern im zweiten Stock hatte in diesem Moment Platz in meinem Kopf. Ich nahm nicht einmal wahr, dass mir jemand folgte, als ich zurück in den Wagen meiner Mutter stieg, den ich mir heimlich geborgt hatte, mir eine Träne verstohlen aus dem Gesicht wischte und nach Hause fuhr. Zurück zu meiner neuen Bestimmung.
Doch kaum hatte ich das Auto geparkt, bereute ich es bereits mich so in meinen Träumereien vor der Tanzschule verloren zu haben.
„Ella!“
Seine Stimme jagte einen Ruck durch meinen Körper. Ich hätte nicht herumwirbeln und in sein blasses Gesicht, seine klaren hellen Augen sehen müssen, um Oskar zu erkennen. Er schlug nicht einmal die Taxitür hinter sich zu, sondern spurtete direkt zu mir. Vor Schock erstarrte ich - einerseits glücklich, weil ich ihn sah, andererseits aus purer Angst vor dieser Konfrontation.
Offensichtlich wollte er mir um den Hals fallen, doch in letzter Sekunde stoppte er. Löcherte mich mit all den Fragen, die ich nicht beantworten konnte. Flutete mich mit all den Gefühlen, die sich über die letzten Wochen in mir aufgestaut hatten.
„Tanzen war doch alles für dich, Ella. Wie kannst du das von einem Tag auf den anderen aufgeben … Oder mich …“
„Du solltest gehen“, gequetschte ich bloß irgendwie aus meiner Kehle heraus. Meine Stimme klang dabei heiser und brüchig. Nicht streng und kalt, wie ich es mir erhofft hatte.
„Fein, Ella. Ich gehe. Sobald du mir in die Augen geschaut und versichert hast, dass ich mir nur eingebildet habe, dass da mehr zwischen uns ist. Dass dir keine der durchtrainierten Nächte etwas anderes bedeutet hat als Blasen an den Füßen. Dass du die Prüfung nicht nachholen wirst und -“
Ich ertrug keine einzige Silbe mehr von seinen Lippen, sonst wäre ich in mich zusammengestürzt wie ein Kartenhaus. Also schloss ich sie mit meinen. In einem Kuss, den ich mir irgendwie immer anders vorgestellt hatte. Meine Hände lagen an seinen Wangen, mein Daumen strich sanft über seine Bartstoppeln und ich hörte ein leichtes Seufzen ohne zu wissen, ob es von mir oder ihm kam. Aber ich fühlte mich nicht, als könnte ich fliegen, sondern als wäre ich eine Taube, die gerade gegen eine Scheibe donnerte.
„Wir hätten so glücklich sein können“, wisperte ich, noch die Augen geschlossen. „In einem anderen Leben.“
Ohne ihn richtig anzusehen, löste ich mich aus seiner Umarmung und rannte die Treppen hoch. Ich hörte seine Schritte hinter mir, vielleicht meinen Namen, aber vor allem das Blut, das in meinen Ohren rauschte. Fast panisch schmiss ich die Eingangstür hinter mir zu, ein Schluchzen unterdrückend, indem ich die Hände vor den Mund presste.
Ich wollte mit dem Rücken gegen die Tür gepresst auf den Boden sinken. Mich zu einem kümmerlichen Knäul zusammenrollen und weinen, bis der Schmerz nachließ. Doch all das Drama hätte auch nichts geändert.
Es war Zeit, Oskar loszulassen. Ich holte tief Luft und sah auf - da stand meine Schwester im Türrahmen. Die Arme schlaff verschränkt.
Schweigend bedachte sie mich mit einem unleserlichen Blick, bevor sie sich umdrehte und ging.
Unweigerlich fragte ich mich, was Joe gesehen hatte. Ob sie mich bei unserer Mutter verraten würde und wenn ja - für was überhaupt?
Ich traute mich nicht, zu ihr zu gehen und nachzuhaken. Darum sprachen wir nicht, bis sie am nächsten Morgen eine dunkelblaue Schatulle neben einem der Webstühle aufhob und mir neue Mottenkugeln - wie ich sie immer noch nannte - gab. Sie gehörten zu einem ihrer Aufträge, die ich übernommen hatte. Ihr Duft war modrig und hatte etwas von Schwefel im Nachgang.
„Bei dieser Person gibt es eine Änderung. Setz einen Knotenpunkt, wie ich ihn dir letzte Woche gezeigt habe und nimm dann die neuen Fäden wie aufgetragen“
Doch ihre Worte knisterten nur noch in meinen Ohren wie statisches Rauschen. Ich fixierte den Namen auf der Schatulle.
Sie gehörte Oskar.
Mein Herz versagte. Ich musste mich räuspern, um es wieder daran zu erinnern weiterzuschlagen.
Gleichermaßen gierig wie erschüttert sog ich die Informationen für das Weben seines Schicksals auf. So heimlich wie möglich versuchte ich zwischen all den Eindrücken in diesem Raum auszumachen, was die alte Schatulle beinhaltete, die Joe noch in den Händen hielt. Dafür tat ich so, als wolle ich ihr ein Haar von der Strickjacke nehmen und beugte mich dicht zu ihr vor. Die Noten, die aus dem Kästchen in ihren Händen strömten, waren erfrischend und ermutigend. Aber diese Ereignisse würden nicht mehr passieren.
Etwas hatte Oskars Schicksal verändert. Und dieses vermaledeite Etwas war ausgerechnet ich.
Wegen unserer Begegnung am Abend zuvor würde er mit den Jungs ausgehen. Es ein bisschen übertreiben. Aber nicht so sehr wie einer seiner Kumpel, dem man nicht die Autoschlüssel wegnahm. Meine Augen wurden feucht, bei dem Atemzug, der mir verriet, wie sich der Wagen überschlug. Wie Oskar im Krankenhaus aufwachen würde ohne etwas bauchnabelabwärts zu spüren.
Danach würde keiner von uns beiden je wieder von einer Tanzkarriere träumen dürfen …
„Alles okay, Ella?“
„Ja, ja“, winkte ich schnell ab und versuchte die aufquellenden Tränen aus meinen Augen zu blinzeln. „Meine Kontaktlinsen brennen nur etwas.“
„Liegt sicher am Wetter. Mir brummt auch schon den ganzen Morgen der Kopf.“
Da witterte ich meine Chance.
„Dann leg dich doch hin, Joe“, schlug ich so unbekümmert wie nur möglich vor. „Wie du gesagt hast, wie man einen solchen Knotenpunkt setzt und neu anknüpft, weiß ich schon. Das schaffe ich allein.“
„Sicher?“
„Absolut.“
Es kostete mich unbeschreiblich viel Selbstbeherrschung, ihr die alte Schatulle für Oskar nicht aus der Hand zu reißen, als Joe aufstand, sondern sie ihr sanft abzunehmen.
„Vergiss nicht, die alten Kugeln zu entsorgen“, murmelte meine Schwester noch über die Schulter. Sie ahnte wohl nicht, was ich wirklich damit vorhatte.
Der Verrat brannte unter meiner Haut, als ich die neuen Mottenkugeln, die Oskar die Wirbelsäule brechen würden, so lange zwischen meinen Handballen rieb, bis nur noch glitzernder, übel riechender Staub übrig blieb.
Das hier war Hochverrat am Schicksal höchstpersönlich.
Nur es selbst wusste, was mit mir geschah, wenn herauskam, dass ich die Webpläne austauschte, um Oskar zu retten. Doch auch wenn ich meine Träume vom Tanzen und einer Zukunft mit ihm begraben musste, änderte das nichts daran, wie sehr er mir am Herzen lag. Ich konnte unmöglich tatenlos zusehen! Geschweige denn so etwas Furchtbares für ihn weben.
Gerade klopfte ich das letzte bisschen Staub von meinen Händen und legte die alten Kugeln schnell in die neue Schatulle, da nahm ich etwas Glitzerndes im Augenwinkel wahr.
Dort, am Spalt der Tür, die Joe nicht geschlossen hatte.
Dahinter blitzen mir ihre Augen entgegen.
Ich betete, dass unsere Zwillingsbande noch stark genug waren, dass sie mich nicht verriet. Dass sie in ihrem Herzen die Güte fand, mich und Oskar zu verschonen. Ihren Überzeugungen das Weben betreffend und ihrer Eifersucht auf die Aufgabe, die mir übertragen wurde, zum Trotz.
Hoffen war alles, was mir noch blieb, erkannte ich. Mein Schicksal lag nun in ihren Händen.

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