Dienstag, 1. August 2017

[Aktion Kurzgeschichte] Mord im Hause Dalwood

Unsere Kurzgeschichten gehen in die nächste Runde. Dieses Mal hat sich Arwyn Yale meiner Aufgabe gestellt und ich finde es klasse, was dabei herumgekommen ist <3

Vielleicht erst ein paar Worte zu der Autorin. Ich begleite sie schon sehr lange und freue mich über jede ihrer Geschichte. Unter dem Pseudonym Arwyn Yale veröffentlicht sie Thriller. Aber sie hat auch noch ein weiteres Pseudonym: Alice Vandersee, unter dem sie Liebesromane schreibt.

Hier geht es zu dem Interview (das schon sehr lange her ist ;) )



Die Bücher:



Hier nun die Kurzgeschichte:

Ein Dorf in Cotswolds, England 1951

Als das Telefon läutete, schreckte ich auf. Wieder einmal war ich an meinem Schreibtisch eingeschlafen. Manchmal, nach der keine Ahnung wie vielten Überstunde, fragte ich mich, was mich dazu bewogen hatte, Polizist zu werden. Doch jedes Mal, wenn ich zu einem Tatort gerufen wurde und sah, was es für grausame Menschen auf der Welt gab, wusste ich, dass ich nie etwas anderes machen wollte. Ich griff nach dem penetrant schellenden Telefon, während ich mir mit der anderen Hand die Schulter massierte

„Im Garten von Lady Isabel befindet sich eine Leiche.“ Die heisere Stimme, die durch den Hörer an mein Ohr drang, kam mir nicht bekannt vor, ich konnte nicht einmal sagen, ob es sich um eine Frau oder einen Mann handelte. „Wer spricht da?“, fragte ich, setzte mich gerade hin und lauschte, doch das Klacken verriet mir, dass der mysteriöse Anrufer aufgelegt hatte. Ich rief Sergeant Pitts in mein Büro, ein junger Bursche mit einem roten Schnurrbart und vollem rotblonden Haar, für das er viel zu viel Pomade benutzte. Auf seinem Hemdkragen fanden sich Kekskrümel. Ich wusste, dass seine Frau ihm jeden zweiten Tag Haferkekse backte, weil sie Angst hatte, dass er durch den Stress im Job zu wenig aß. Dabei war gar nicht so viel los in dieser beschaulichen Gegend der Cotswolds. Ein paar Einbrüche einer Bande aus Birmingham, ein paar Jugendliche, die auf ihren Mofas die Nachbarn aufgeschreckt hatten und ein Selbstmord. In Birmingham, wo ich zuvor bei der Kriminalpolizei gearbeitet hatte, waren wenigstens ein paar Morde passiert.
„Sergeant, bitte fahren Sie nach Rosewood House und schauen sich im Garten um.“
„Sir?“ Sergeant Pitts‘ Brauen schossen in die Höhe, auf seinen Wangen zeigten sich rote Flecken. Ich erzählte ihm von dem Anruf, woraufhin er laut seufzte und mit den Augen rollte. „Bestimmt einer von den Jungs aus dem Waisenhaus. Ich wusste, dass dieses Haus nur Ärger bedeutet.“
„Ich denke eher, es klang nach einer erwachsenen Person“, meinte ich. Mir behagte nicht, dass das Waisenhaus, das erst seit zehn Jahren in der ehemaligen Mädchenschule untergebracht war, so einen schlechten Ruf bei den Dorfbewohnern hatte. Mrs McKay kümmerte sich wirklich großartig um die fünfzehn Kinder, überwiegend Kriegswaisen. Ab und zu rauften die Jungs sich natürlich, das taten alle Burschen im Dorf. Das Problem war nur, dass die Dorfjungs liebevoll Raufbolde genannt wurden, während die Waisenkinder als aggressive Kriminelle bezeichnet wurden.
Vor einem Jahr hatte jemand – ich hatte ihn nie gefasst – einen Eimer Schweineblut gegen die Tür des Heims ausgeschüttet. Ein kleines Mädchen, das einen Bombenangriff in London nur knapp überlebt hatte und seitdem stumm war, hatte auf den Stufen gespielt und einige Spritzer Blut abbekommen, woraufhin sie in Ohnmacht gefallen war. Seitdem war sie so verstört, dass Mrs McKay mit ihrem Latein am Ende war und sie in eine Kinderklinik nach Manchester geschickt hatte, wo man ihr jedoch auch nicht hatte helfen können. In mir kochte immer noch blanke Wut hoch, wenn ich an den ängstlichen Gesichtsausdruck der Kleinen dachte, an die großen blauen Augen, die sorgfältig geflochtenen dunklen Zöpfe und die Hände, die unaufhörlich gezittert hatten.
„Lady Isabel wird bestimmt nicht erpicht darauf sein, dass ein Polizist ihr Grundstück nach einer Leiche absucht.“
„Wir können den Anruf aber auch nicht einfach ignorieren, Pitts“, sagte ich etwas ungehalten. Dass dieser junge Kollege aber immer eine Diskussion beginnen musste, zerrte manchmal sehr an den Nerven.
Ich schob meine Schreibmaschine heran und starrte auf die Buchstaben auf dem Blatt, die keinen Sinn ergaben. Dann fiel mir ein, dass ich ja über der Schreibmaschine eingeschlafen war, mit der Wange auf den Tasten. Ich zog das Blatt heraus, zerknüllte es und legte ein neues ein. Pitts wandte sich um und schlurfte endlich von dannen. Ich hatte den Bericht über die Festnahme nach einem Diebstahl in der Bäckerei des Dorfes gerade fertig geschrieben, als mein Telefon erneut klingelte.
„Inspector Keely“, meldete ich mich.
„Sir, hier ist Sergeant Pitts. Sie müssen herkommen. Ich habe eine Leiche im Gartenteich gefunden.“
Ich holte tief Luft und unterdrückte ein Fluchen. „Wer ist es?“
„Der Butler.“

Zwanzig Minuten später befand ich mich auf dem Anwesen von Lord und Lady Dalwood. Rosewood Hall war ein eindrucksvoller Landsitz aus dem späten neunzehnten Jahrhundert und gehörte nun dem vierten Earl of Dalwood, der sich mit seiner Frau meistens im Ausland aufhielt, während die einzige Tochter, Lady Isabel, auf dem Anwesen ausschweifende Feste veranstaltete.
Ich kannte Lady Isabel von verschiedenen Veranstaltungen. Auch wenn wir nicht der gleichen Gesellschaftsschicht angehörten, so liefen wir uns recht häufig über den Weg. So gerne sie auch feierte, so beständig sammelte sie für die Armen und Notleidenden. Sie veranstaltete jedes Jahr beim Polizeiball eine Wohltätigkeitstombola und sammelte für Kinder von im Dienst getöteten Polizeibeamten Geld und Sachspenden.
„Inspector … wie furchtbar …“, schluchzte Lady Isabel, die sich ein bisschen zu theatralisch das bestickte Taschentuch vor die Nase hielt, während sie die Stufen zur Einfahrt heruntereilte, wo ich gerade meinen Wagen abgestellt hatte.
Der Stoff ihres roten Kleides flatterte im Wind. Sie sah atemberaubend aus, das musste ich zugeben. „Lady Isabel. Es tut mir furchtbar leid, was passiert ist“, begann ich, während sie mit dem Taschentuch ihre Augen betupfte. Ihre dunkelblonden Haare waren zu einem Knoten im Nacken zusammengebunden, allerdings hatten sich zwei Locken gelöst, die ihr Gesicht umrahmten. Ihre grünen Augen versteckte sie hinter einer Sonnenbrille, was ich schade fand. Als hätte sie meine Gedanken erraten, nahm sie die Brille ab.
Ihre Augen waren vom Weinen gerötet. „Der andere Polizist ist mit dem Arzt beim Teich … Dort entlang.“ Sie zeigte auf einen schmalen Gartenweg, entlang am prachtvollen Springbrunnen. „Ich kann dort nicht noch einmal hingehen, verzeihen Sie ...“ Sie schauderte und tupfte sich erneut Tränen aus dem Gesicht, bevor sie ins Haus zurücklief.

Dr. Grant, der Polizeiarzt, hatte den Leichnam bereits aus dem Teich gezogen, dessen Mitte ein paar Seerosen schmückten. Irgendwo quakte ein Frosch. Der Butler, ich wusste, dass er Peter Ryder hieß, lag auf dem Rücken. Er trug seine Uniform, schwarzes Jackett, weißes Hemd und eine Fliege, allerdings war das Hemd zerrissen und Blut durchtränkt. Das Gesicht war grünlich wächsern, die Augen geschlossen. „Ich nehme an, er ist nicht ertrunken“, bemerkte ich mit Blick auf das Blut und die Stichwunde in Herznähe.
Dr. Grant, ein drahtiger Mittfünfziger mit grauem Vollbart und einer silbernen Brille, drehte sich zu mir um und schüttelte amüsiert den Kopf. „Da haben Sie recht. Er wurde erstochen. Zwei Stiche in die Brust. Sergeant Pitts sucht bereits nach der Mordwaffe. Ein Messer, würde ich sagen. Lange Klinge.“
Ich folgte seinem Blick. Pitts suchte das Gestrüpp und die Hecken um den Teich herum ab. „Soll ich ein paar Uniformierte schicken?“, rief ich rüber. „Nicht nötig, Sir! Ich finde das Mistding schon.“, sagte Pitts, auf allen Vieren den Rhododendron absuchend. Er hasste es, wenn er nicht die Lorbeeren ernten konnte und würde es mir nie verzeihen, sollte ich einen Kollegen um Hilfe bitten, der mit einem siegreichen Grinsen die Tatwaffe aus dem Busch zog.
Dr. Grant räusperte sich geräuschvoll, bevor er traurig den Kopf schüttelte.
„Können Sie schon was zu dem Todeszeitpunkt sagen?“, wagte ich mich vor.
Dr. Grant wackelte ganz kurz mit dem Kopf, eine Angewohnheit, die ihm etliche Spitznamen eingebracht hatte. „Von der Körpertemperatur zu urteilen und bedenkt man das recht kalte Wasser im Teich, würde ich schätzen, dass er gestern gegen Mitternacht ermordet wurde.“
„Wurde er hier getötet?“, fragte ich.
Der Arzt schob seine Brille zurecht und erhob sich. „Ich habe keine Schleifspuren entdeckt, Inspector. Auch nichts, das auf einen Kampf hindeutet. Letze Nacht hat es nur wenig geregnet. Ich vermute, er wurde direkt hier angegriffen und fiel in den Teich. Oder er wurde geschubst.“
„Aber Sie wissen nicht wo?“
Auf Dr. Grants Stirn zeigten sich zahlreiche Furchen. „Nein. Dort drüben sind ein paar Fußspuren, am Ufer, wo es etwas schlammiger ist. Aber ich denke, die sind schon ein paar Tage alt. Hier sind ja überall Fußspuren. Soweit ich weiß fand hier letzte Nacht eine Feier statt.“
Ich nickte und ging langsam um den Teich herum, wobei mein Blick auf alles Ungewöhnliche gerichtet war. Es gab einige Schuhabrücke, die meisten sahen aus, als seien sie ein paar Tage alt. Aber ich entdeckte auch ein paar frische Abdrücke, Schuhgröße 43 vielleicht und ein paar umgeknickte Sträucher. Es sah ganz so aus, als ob der Butler an diesem Fleck angegriffen wurde. Doch was hatte er hier getan?
Ich wandte mich um und sah zum ungefähr dreihundert Meter entfernten Haus. Wie ein grauer schwerer Klotz aus Beton ragte das vierstöckige Gebäude empor. Die Fenster spiegelten, sodass man nicht hineinsehen konnte. Ich machte mich auf den Weg zurück zum Haupteingang, um mit Lady Isabel zu reden und mir eine Liste ihrer Gäste geben zu lassen. Doch zu meiner großen Verwunderung befanden sich alle Gäste der Feier noch im Haus.
„Es war eine kleine Feier, weil ich doch in wenigen Wochen nach Paris gehe“, sagte Lady Isabel mit leiser Stimme, als sie mich durch die große Halle in den Salon führte.
Ein Diener öffnete die schwere Eichentür zum Salon. Zigarettenqualm und blumiges Parfum drang in meine Nase und verursachte ein mehrfaches Niesen, als ich in den Raum trat. Der rote Teppich hatte mit Sicherheit schon bessere Tage gesehen, überall fanden sich Brandlöcher und Flecken. Die grüne Tapete mit den goldenen Verzierungen wirkte bedrückend. Im Kamin prasselte trotz knapp frühlingshafter zwanzig Grad ein Feuer. Vor den bodentiefen Fenstern mit den pompösen grünen Samtvorhängen standen zwei Männer in teuren Anzügen und rauchten. Auf dem Sofa saßen drei Frauen, die unterschiedlicher nicht hätten aussehen können. „Mrs Norma Fisher“, stellte mich Lady Isabel der zierlichen Schwarzhaarigen Frau vor, die verträumt zu dem Kamin blickte. „Lady Rose und Lady Francine Lassiter.“ Beide Frauen nickten verhalten. Lady Rose war blass, sehr schlank mit blondiertem Haaren, während Lady Francine sehr kurvig war und diese Kurven mit wenig Stoff in Szene setzte. Ihr mausgraues Haar war zu einem Bob geschnitten. Um ihren Hals baumelte eine dicke Perlenkette.
Ich blickte zu den beiden Herren am Fenster, die meine Ankunft ignorierten und ein Gespräch über Autos führten. „Der große Blonde ist Richard Rooney, der mit den roten Haaren ist Paul Lassiter, der Ehemann von Lady Francine.“
„Sonst war gestern Abend niemand hier?“, hakte ich nach, als Lady Isabel sich auf einen schwarzen Ledersessel neben dem Kamin fallen ließ. „Nein … nun … die Angestellten natürlich.“
Ich notierte mir alle Namen und begann mit der Befragung der Gäste, die sich mehr als zäh entwickelte. Die Damen schnieften lautlos in ihre bestickten Taschentücher, betonten immer wieder, wie furchtbar das alles wäre, während die Herren nur müde mit den Schultern zuckten und erwähnten, wie unverschämt sie den Butler hielten, sich während ihrer Anwesenheit auf dem Grundstück ermorden zu lassen.
„Wer hat den Butler denn zuletzt gesehen?“, fragte ich, während mein Blick von Lady Isabel zu den Herren am Fenster wanderte.
„Ich habe ihn gar nicht gesehen“, sagte Mr Rooney sogleich und sog genüsslich an seiner Zigarette. „Ich nehme Bedienstete nicht wahr.“
„Gegen halb elf hat er uns eine weitere Flasche Champagner gebracht“, sagte Lady Isabel, strich den Saum ihres Kleides glatt und biss sich auf die Lippen, als ob sie angestrengt nachdachte.
„Ich habe ihn noch um kurz vor Mitternacht gesehen“, erzählte Lady Francine und bedachte mich mit einem Ausdruck voller Abscheu. „Er hat mir … nun, ich weiß nicht, ob ich das so sagen soll …“
Ich zog eine Augenbraue in die Höhe und starrte sie erwartungsvoll an. „Nur zu, alles, was sie gesehen oder gehört haben, kann wichtig für mich sein.“
Sie faltete ihre Hände auf dem Schoß, wobei der Stoff ihres violetten Kleides raschelte, holte tief Luft und senkte den Kopf. „Er schien mir betrunken zu sein. Ich traf ihn oben im ersten Stockwerk, er hielt sich ganz komisch am Geländer fest. Als ich fragte, ob alles in Ordnung wäre, stöhnte er nur. Ich dachte, er hätte er einen Herzinfarkt, aber dann plötzlich …“ Sie erschauderte und schlang die Arme um ihren Oberkörper. „Ja, was passierte dann?“, drängte ich weiter.
„Er packte mich plötzlich an der Schulter und flüsterte mir etwas ins Ohr.“ Sie gab ein theatralisches Frösteln zum Besten und griff nach der karierten Decke auf einem Schemel, die sie sich um die Schultern drapierte. „Und was sagte er Ihnen?“ Ich konnte meine Ungeduld kaum verbergen. Entweder hatte die Dame etwas Wichtiges zu erzählen oder sie wollte sich bloß wichtig machen. Zweiteres kam bei reichen Leuten relativ häufig vor.
„Er sagte, wir würden uns noch alle umgucken. Er wäre endlich ein gemachter Mann. Dann lachte er auf eine ganz schaurige Art.“
„Sonst nichts?“, hakte ich nach und bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Lady Isabel nervös über ihre Knie strich. Dann stand sie auf und lief vor dem Kamin auf und ab.
„Sonst nichts? Na, das war doch allerhand!“, erboste sich nun Lady Rose und strich ihrer Schwester beruhigend über den Rücken.
„Wissen Sie, was er gemeint haben könnte?“, fragte ich laut und wandte mich zu Lady Isabel um. „Ich nehme an, er hat sich in der Küche betrunken. Eine Kiste Champagner aus Frankreich war morgens geliefert worden, da konnte er wohl nicht widerstehen. Ich wusste, dass er öfter trinkt, aber wenn er bedient hat, war er nie wirklich betrunken gewesen.“ Sie seufzte, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und ließ sich wieder auf den Sessel fallen.
„Ich muss wissen, wo sich jeder von Ihnen gegen Mitternacht aufgehalten hat.“, sagte ich. „Mr Rooney, wo befanden Sie sich zu dem Zeitpunkt?“
Mr Rooney warf mir einen feindseligen Blick zu, schlenderte zum Kamin und drücke seine Zigarette auf dem Sims aus, bevor er den Stummel ins Feuer warf, wo er laut zischend von den Flammen verschlungen wurde. „Ich war hier und habe mit Lady Isabel über Amerika gesprochen.“
„Und Sie, Mr Lassiter?“
Mr Lassiter strich sich durch das Haar und zuckte mit den Schultern. „Ich nehme an, ich war hier mit den anderen. Wir waren bis ein Uhr im Salon, haben Musik gehört und uns unterhalten.“
„Das stimmt. Mein Mann ist er gegen viertel nach eins ins Bett gegangen“, schaltete sich Lady Francine ein.
„Wo waren Sie? Sie sagten eben, sie wären um kurz vor Mitternacht im ersten Stock gewesen.“
Lady Francine Wangen röteten sich. „Nun … also … ich war kurz in meinem Schlafzimmer, um eine Aspirin zu nehmen.“
„Hat Sie jemand gesehen?“
„Der Butler.“
"Ich seufzte. „Hat Sie jemand gesehen, der nicht tot im Garten liegt?“
Ihre Schwester gab ein Quieken von sich.
„Ich denke nicht. Wir waren alle hier. Und die anderen Angestellten waren bereits im Bett“, sagte Lady Isabel.
„Wie viele Angestellte waren das noch gleich?“
„Zwei Hausmädchen, die oben im Westflügel ihre Zimmer haben. Und eine Haushälterin, aber die wohnt nicht hier, sondern im Dorf. Sie kommt jeden Morgen um acht und geht nachmittags um vier Uhr.“
Ich notierte mir ihre Namen und beschloss alle drei am Nachmittag zu befragen. „Hat irgendwann sonst – außer Lady Francine – zwischen … sagen wir mal zehn Uhr gestern Abend und ein Uhr morgens den Salon hier verlassen? Um zum Beispiel auf die Toilette zu gehen?“
„Ich“, sagte Lady Isabel sogleich. „Ich war mehrmals auf der Toilette, der Champagner wissen Sie.“ Sie zwinkerte mir zu. „Mit Nase pudern hat das aber höchstens fünfzehn Minuten gedauert“, sagte sie.
„Ich denke, wir waren alle mal auf der Toilette“, knurrte Lassiter. „Ich verstehe nur nicht, wieso Sie uns befragen, Inspector. Sie können unmöglich annehmen, dass einer von uns diesen Butler umgebracht hat. Das ist absurd.“
„Ich stelle frage, Sir. Nicht mehr und nicht weniger.“ Ich klappte meinen Notizblock zu, wies alle Gäste an, im Salon zu warten, was zu einer Diskussion führte, da Mr Lassiter am Nachmittag im London erwartet wurde. Dann ging ich zurück in den Garten.
Die Leiche war mittlerweile abtransportiert und in die Gerichtsmedizin gebracht worden. Sergeant Pitts suchte weiterhin die Umgebung nach der Tatwaffe ab. Meinen Vorschlag, Verstärkung anzufordern, wies er mit der Begründung ab, die Kollegen würden bloß wichtige Spuren zertrampeln, womit er vermutlich nicht ganz unrecht hatte.
„Was hat der Butler hier gemacht?“, murmelte ich, während ich mich noch einmal umsah. Er hatte getrunken, die Autopsie würde Auskunft darüber geben, wie betrunken er gewesen war. Der Mörder musste ihn hiergelockt haben. Aber wie? Etwas Weißes blitzte zwischen niedergetrampelten Sträucher vor. Ich bückte mich und hob eine kleine Karte auf. In geschwungenen Buchstaben, die dennoch irgendwie maskulin aussahen stand nur ein Satz.

Erwarte dich im Mondschein am Teich.
Unterschrieben war mit einem Buchstaben. H oder A, aber die Schrift war so verwischt, dass ich nur hätte rätseln können. Vorsichtig steckte ich die Karte in die Außentasche meiner Jacke. Es war Zeit, das Zimmer des Butlers unter die Lupe zu nehmen.
Das Zimmer erwies sich als größere Kammer. Es befand sich im Dachgeschoss im Ostflügel. Das Fenster ging zur Gartenseite hinaus. Ein Bett, dessen Holzrahmen bedrohlich knackte und wackelte, wenn man sich auf die Matratze setzte, ein Nachttisch und ein Kleiderschrank, mehr befand sich nicht in dem Raum.
Auf dem Nachtisch lag eine Ausgabe von Oliver Twist, in der Mitte steckte ein Lesezeichen. Doch als ich das Buch an besagter Stelle aufschlug, bemerkte ich, dass es sich um einen Notizzettel handelte.

LF 5000 Pfund
LI 300
RR 1000 Pfund
BN 200

„Interessant“, murmelte ich und war nicht überrascht, als ich kurz darauf unter einem losen Dielenbrett eine kleine Schatulle mit einigen Pfundnoten darin entdeckte. Fast siebentausend Pfund zählte ich.
Im Nachttisch entdeckte ich eine Packung Kekse, eine alte Taschenuhr und einen Kugelschreiber. Im Kleiderschrank fand sich nichts Interessantes. Der Mann hatte nur wenig Kleidungsstücke besessen. Vorsichtshalber schaute ich auch unter das Bett, doch dort waren nur ein Paar alter Schuhe.
„Verzeihung?“
Ich schrak zusammen und stieß mir den Kopf am Bettgestell. Schnell richtete ich mich auf. Eine junge Frau stand im Türrahmen, mit Schürze und Haube unverkennbar eins der Hausmädchen.
„Ich soll das Zimmer sauber machen“, sagte sie schüchtern.
„Das muss warten. Das Zimmer ist Gegenstand einer Mordermittlung und darf nicht verändert werden“, sagte ich streng. Ich musterte ihr Gesicht. Sie war Mitte zwanzig und hatte zahlreiche Sommersprossen um Mund und Nase. Die Augen leuchteten in einem strahlenden Grün. „Wie heißen Sie?“, fragte ich.
„Beth Netherby, Sir.“ Sie machte einen Knicks und errötete.
BN, schoss es mir durch den Kopf. „Wieso haben Sie Mr Ryder zweihundert Pfund gegeben?“, fragte ich geradeheraus. Ihre Augen flackerten, die blassen Wangen färbten sich feuerrot. „Woher …“ Sie rang nach Worten, strauchelte seitwärts und lehnte sich gegen den Kleiderschrank. Einen Moment lang glaubte ich, sie würde ohnmächtig werden. Volltreffer, jubelte ich innerlich.
„Er hat davon gesprochen, sich ein Haus in Frankreich zu kaufen“, sagte sie leise, ohne mich anzublicken.
„Und da haben Sie ihm das Geld gegeben, aus reiner Herzensgüte?“, spotte ich. Sie schluckte. „Nein … ich …“ Sie räusperte sich und strich sich mit dem Zeigefinger über die Stirn. „Er hat gedroht, etwas zu verraten. Ich hätte meinen Job verloren und habe ihm deshalb das Geld gegeben.“
„Was verraten?“
Sie presste die Lippen fest aufeinander und starte auf ihre Schuhe. Frisch polierte schwarze Halbschuhe.
„Miss Netherby, wenn Sie meine Fragen nicht beantworten, werde ich Sie aufs Revier bringen lassen. Sie behindern eine Mordermittlung.“
„Ich kann das nicht ohne … ohne …“ In ihren Augen sammelten sich Tränen, die sie wegzublinzeln versuchte. „Ohne mich einer schweren Straftat zu belasten“, schluchzte sie.
Ich seufzte und deutete auf das Bett. „Setzen Sie sich“, wies ich sie an und schloss die Tür. Schluchzend ließ sie sich auf das Fußende des Bettes nieder. „Womit hat Mr Ryder Sie erpresst?“
„Ich hatte eine Affäre mit Sir Thomas Reilly“, sagte sie mit bebender Stimme.
„Der Schauspieler?“
Sie nickte. „Letztes Jahr ging er hier ein und aus. Wenn Lady Isabel im Bett war, kam er in mein Zimmer. Er versprach, dass er mir eine Arbeit im Theater besorgen würde. Machte mir Hoffnungen, dass ich Schauspielerin werden könnte.“
„Aber?“, fragte ich, als sie nicht weitersprach.
„Er sagte, ich sei zu verklemmt und müsse …lernen verführerischer zu werden und er würde mir dabei helfen.“ Sie lachte bitter. „Ich wurde schwanger“, flüsterte sie.
„Verstehe“, sagte ich und hob die Hand, damit sie nicht weitersprach und eine Straftat gestand, denn ich ahnte, wie es weitergegangen sein musste.
„Mr Ryder fand heraus, dass sie …das Problem losgeworden waren? Wie?“
Sie zuckte mit den Schultern, schluchzte wieder. „Ich habe es in London machen lassen. Habe mir einen Tag Urlaub genommen, der Ladyschaft gesagt, ich müsse meine kranke Mutter besuchen. Er hat irgendwie rausgefunden. Ich glaube, er hat allen im Haus nachspioniert.“
„Zweihundert Pfund sind eine Menge Geld für ein Hausmädchen. Woher hatten Sie das Geld.“
„Von Sir Thomas. Er gab mir fünfhundert Pfund, damit ich ihn mit meinen Problemen nicht mehr behellige.“
„Wo waren Sie gestern Nacht um Mitternacht herum?“
„Ich habe geschlafen. Wir haben nun ein zweites Hausmädchen, wir teilen uns ein Zimmer, sie wird es bestätigen.“
Ich nickte. „Haben Sie eine Ahnung, wer Mr Ryder umgebracht haben könnte? Wurde er bedroht? Hatte er Feinde?“
Sie stand vom Bett auf. „Alle haben ihn gehasst. Sogar die Gäste. Er war überheblich und unfreundlich und hat unpassende Bemerkungen gemacht, wenn er betrunken war.“ An der Tür drehte er sich herum. „Die Haushälterin hat ihn ganz gerne gehabt, wieso auch immer.“
„Wie heißt sie?“
„Mrs Ada Samson. Sie war heute hier, aber so stark erkältet, dass sie Lady Isabel Sie gleich wieder nach Hause geschickt hat.“
Ich runzelte die Stirn. „Wissen Sie, ob sie im Garten war?“
„Sie stellt am Schuppen immer ihr Fahrrad ab, sie muss …“ Das Mädchen schlug sich die Hand vor den Mund. „Sie muss ihn im Teich gesehen haben … Wie furchtbar!“

„Keine Spur von der Tatwaffe. Wir müssen den Teich absuchen“, sagte Pitts, als ich gerade die Eingangshalle betrat. „In Ordnung. Rufen Sie die Kollegen im Revier an. Wir müssen außerdem die ganzen Gästezimmer durchsuchen.“
Pitts nickte und eilte zum Telefon auf der Kommode unter dem Treppenvorsprung.
Lady Isabels Gäste befanden sich immer noch im Salon. Die Damen nippten an einem Sherry, die Herren saßen an einem Tisch am Fenster und spielten Backgammon.
Keiner blickte auf, als ich eintrat. „Lady Francine, ich würde Sie gerne unter vier Augen sprechen“, sagte ich mit Blick auf den Zettel, auf dem LF 5000 stand. Wieso hatte sie so viel Geld an den Butler zahlen müssen?
„Wieso denn das?“, fauchte mich ihre Schwester an.
„Ich möchte mit jedem unter vier Augen reden, aber mit Ihrer Schwester möchte ich anfangen“, antwortete ich ruhig.
Lady Isabel führte uns in die kleine Bibliothek. „Ich sorge dafür, dass Sie nicht gestört werden“, sagte Lady Isabel und scheuchte sogleich das andere Hausmädchen davon, das mit einem Staubwedel angelaufen kam.
Lady Francine sah mich feindselig an, doch ihre Lippen zitterten leicht. Ich deutete zu der Ledercouch und nahm selbst auf einem Hocker Platz. Der Raum war lichtdurchflutet, die roten Vorhänge weit aufgezogen. Die Tapete war beige mit Ornamenten und wirkte recht modern. Ich zählte sechs Bücherregale und fragte mich, wie groß wohl die andere Bibliothek sein mochte, wenn diese hier die kleine war.
„Ich weiß nicht, was Sie von mir wissen wollen! Ich kannte den Butler nicht.“
„Und warum haben Sie ihm dann 5000 Pfund gegeben?“, fragte ich.
Ihre Augen weiteten sich ängstlich. „Was? Das können Sie nicht wissen …“
„Er hat Sie erpresst“, sagte ich. „Ich weiß bloß nicht, womit.“
Wie vom Donner gerührt starrte sie mich an.
„Er hat mich in einer … prekären Lage erwischt und gedroht, es der Zeitung zu erzählen.“
„So?“ Ich hob beide Augenbrauen. „Eine Affäre?“ mutmaßte ich.
Sie schüttelte schnell den Kopf. „Ich habe etwas gestohlen. Ohrringe und einen Armreif, aus Lady Isabels Schlafzimmer.“ Ihre Wangen sahen aus, als hätte man sie geohrfeigt.
„Verstehe“, sagte ich, obwohl ich überhaupt nicht verstand, wieso eine solch reiche Frau eine andere Frau bestahl. Soweit ich wusste, schwamm Lady Francine in Geld und weitaus wohlhabender als die Dalwoods.
„Ich habe ihn nicht getötet, ich schwöre es“, sagte sie mit fester Stimme und sah mir direkt in die Augen. Ich glaubte ihr und wollte sie gerade losschicken, um Richard Rooney zu holen, als Pitts an die Tür klopfte. „Sir, das sollten Sie sich ansehen.“

Ein uniformierter Beamter hatte die Zimmer der weiblichen Gäste durchsucht, während Pitts sich um die Zimmer der Männer gekümmert hatte. Mit freudigem Gesichtsausdruck führte er mich in ein riesiges Zimmer im ersten Stock. Der Kronleuchter war beängstigend groß, das Bett bot Platz für bestimmt vier Menschen. Wer brauchte so viel Platz, fragte ich mich.
Pitts ging zum Bett und schlug die Bettdecke zurück, die am Saum einen rostroten Fleck aufwies. „Wessen Zimmer ist das?“
„Mr Rooneys, Sir. Das hier ist mit Sicherheit getrocknetes Blut.“
Ich besah mir den Fleck am Fußende und musste zustimmen. „Sonst noch etwas?“, fragte ich, schlenderte zum Nachttisch und öffnete es, doch außer Aspirin, einer Schachtel Zigaretten und einem Stadtplan von London befand sich dort nichts. Im Kleiderschrank befand sich Kleidung für drei Tage, einem Gefühl folgend nahm ich die Sockenschublade in Augenschein und staunte, als ich eine silberne Schachtel herausholte. „Was ist das?“, fragte Pitts.
„Waren glaube ich mal Pralinen drin“, meinte ich und öffnete die Schachtel. Kurz darauf stieß ich einen Pfiff aus und nahm eine Fotografie in die Hand, die zwei sich küssende Männer zeigte. Der eine war ein schmächtiger Mann mit Dreitagebart, der andere war Richard Rooney. Auf der Rückseite stand ein Datum. 3. Mai 1951.
Das war vor drei Wochen. Es war die Handschrift des Butlers, dessen war ich mir sicher, als ich den Notizzettel herausholte und die beiden Schriften verglich. Die Drei war seltsam geschwungen und die eins hatten einen Schnörkel, der sehr auffällig war.
„Damit wäre geklärt, womit Mr Ryder ihn erpresst hat“, murmelte ich. Doch hatte er ihn auch umgebracht? Ich stieg auf einen Stuhl und tastete den Schrank und ein Regal ab, doch dort fand ich nur eine dicke Staubschickt. Plötzlich fiel mein Blick auf einen schwarzen Klumpen vor dem Fenster. Ich stieg ab und sah ihn genauer an. Es war feuchte Erde. Mein Blick glitt nach links und hinter dem schweren braunen Vorhang entdecke ich ein Paar schwarzer Schuhe, eingewickelt in ein Handtuch. Die Sohle war voller Schlamm. Größe 43. Wieder Volltreffer! Im Papierkorb fand ich außerdem etliche Zettel mit immer dem gleichen Text. Triff mich bei Mondschein. Ganz offensichtlich hatte er geübt, die Schrift einer Frau – vielleicht die der Haushälterin – nachzuahmen.
„Bringen wir Mr Rooney aufs Revier, Pitts“, sagte ich mit einem siegreichen Lächeln und hielt die Schuhe hoch.

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